Ressourcenabhängigkeit und ökonomisches Kalkül

Entscheidungen von Unternehmen unterliegen einer für sie konstitutiven Paradoxie: Einerseits können sich diese Entscheidungen nur auf eine angenommene Zukunft beziehen, deren Realität die Unternehmen simulieren müssen, um überhaupt entscheiden zu können, wobei ihnen zumeist der Unterschied zwischen gegenwärtiger Zukunft (Simulation) und später eintretender Realität, also der zukünftigen Gegenwart als Problem durchaus bewusst ist. Andererseits können Unternehmen trotz dieser Situation nicht auf Entscheidungen verzichten, denn ihre zukünftige Handlungsfähigkeit hängt von den vorherigen Entscheidungen zwingend ab. Diese notwendigen, aber zugleich fiktiven Entscheidungen betreffen dabei zum einen die Unternehmensorganisation selbst, zum anderen deren materielle Handlungsfähigkeit. Die Grundlagen der zukünftigen Handlungsfähigkeit werden mithin in der Gegenwart konstituiert, wobei es in zentraler Hinsicht auf die Erwartungsbildung und Entscheidungsprogramme der je aktuellen, gegenwärtigen Unternehmensleitung ankommt.

Die auf diese Problematik bezogene ökonomische und organisationssoziologische Literatur des „richtigen Entscheidens“ ist überaus lang und hat bei allen Verdiensten und allen Variationen das zentrale Problem, den Fokus auf das vom falschen unterschiedene richtige Handeln zu richten und entsprechend normativ zu argumentieren. Die Tatsache, dass weder richtig noch falsch entschieden werden kann, wird dabei in der Regel vernachlässigt oder bewusst ignoriert, weil hierdurch das normative Potential der angestrebten Entscheidungsregeln (zurecht!) gefährdet würde. Die wirtschafts- und unternehmenshistorische Forschung hat hingegen den Vorteil, nicht in dieser normativen Zwangslage zu sein, da sie bereits abgeschlossene Entscheidungsserien, deren Konstitution und deren Folgen anhand des in Unternehmensarchiven gesammelten Materials rekonstruieren und so die Bedingungen der Möglichkeit unternehmerischer Entscheidungen aufklären kann, ohne gegenüber bereits erfolgten Entscheidungen in die unangenehme Rolle des normativen Beraters zu geraten. Dabei kann die entsprechende historische Analyse, ja muss sie die entsprechenden ökonomischen Theorieangebote aufgreifen, ohne sich freilich insofern gegenüber der Empirie binden zu müssen.

In diesem theoretischen Kontext ist das wirtschaftshistorische Teilprojekt des DFG Sonderforschungsbereiches „Schwächediskurse und Ressourcenregime“ situiert, das sich mit den in Unternehmen abspielenden Entscheidungsprozessen bezüglich deren zukünftiger materieller Handlungsfähigkeit auseinandersetzt. Konkret geht es dabei um die ressourcenbezogene Zukunftsplanung und die davon abhängenden Entscheidungs- und Handlungsprozesse, in deren Folge es in den Unternehmen zu zugleich begleitenden wie einengenden Pfadabhängigkeiten

kommt. Denn jede vorhergehende Entscheidung engt die nachfolgende ein, ohne sie dabei zu determinieren. Freiheitsgrade bleiben stets erhalten, doch vorhergehende Erfolge neigen zu ihrer Fortschreibung. All das ist in den Unternehmen bewusst, die ihre eigene Pfadabhängigkeit insofern als zwangsläufig und problematisch begreifen und entsprechend darauf reagieren. Hier liegt das Zentrum der Forschungen zur chemischen Industrie, namentlich zur Forschungs- und Entwicklungsarbeit bei der BASF und der Bayer AG. Beide Unternehmen werden als prototypisch für die chemische Industrie angesehen, und die Forschungsergebnisse bestätigen die Annahme, dass beide Unternehmen, immer wieder mit fundamentalen Anpassungsproblemen konfrontiert, trotz gemeinsamer Ausgangssituation in der Teerfarbenherstellung unterschiedliche „Anpassungsstrategien“ entwickelten, also Gleiche durchaus nicht das Gleiche taten, wodurch sich sowohl in theoretischer Hinsicht (Kontingenz von Entscheidungsprozessen) wie in empirischer Perspektive (Preise, Erwartungsbildung, handelnde Personen, Entscheidungsprogramme, Widerstände etc.) wesentliche Forschungsergebnisse ergeben.

Ziel des Workshops soll es sein, diese empirischen und theoretischen Forschungsergebnisse des Teilprojektes im Rahmen einer internationalen Expertengruppe kritisch zu diskutieren. Dabei sollen sowohl entscheidungstheoretische wie auch historisch empirische Fragestellungen im Mittelpunkt stehen. Zusammengeführt werden sollen die beiden Themenfelder unter der Leitfrage, welche Entscheidungen die Entwicklung der chemischen Industrie von der Teerfarbenchemie hin zur komplexen Großchemie begleiteten. 

Personen


Frederic Steinfeld 
Goethe Universität Frankfurt am Main 
Gräfstr. 78 
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60486 Frankfurt / Main 
Tel.: +49 (0)69 798 33958 
steinfeld (at) em.uni-frankfurt.de

Carla Thiel 
Goethe Universität Frankfurt am Main 
Gräfstr. 78 
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