Wissen in Zwischenräumen: Formen der Komplexitätserzeugung und Komplexitätsreduktion in der Erforschung von Festkörpern, ca. 1930-1970


Am Beispiel der Formierung der Festkörperphysik und der Materialwissenschaften soll unter-sucht werden, wie in einem besonders fragilen Wissensfeld die Sicherung und Stabilisierung wissenschaftlichen Wissens und experimenteller Methoden gelang. Da beide Gebiete erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eigenständige disziplinäre Strukturen ausbildeten, entwickelten sich deren Theorien und Modellvorstellungen um Forschungsgegenstände und -problematiken, die zwischen den ausgebildeten disziplinären Feldern und Institutionen der klassischen Naturwissenschaften lagen. Aus disziplinärer Sicht entstand also nicht ausreichend legitimiertes, mitunter als unwissenschaftlich deklariertes, und in diesem Sinn schwaches Wissen.

Die empirische und oftmals handwerklich geprägte Materialforschung musste überhaupt erst eine wissenschaftliche Methodik und ein eigenes Profil entwickeln. Im Gegensatz zu Hybridwissenschaften wie der Biochemie, die rasch disziplinäre Stärke gewannen und eigene institutionelle Strukturen und disziplinäre Reproduktionsformen auszubilden vermochten, akkumulierten, mobilisierten und adaptierten Festkörperphysik und Materialwissenschaften über einen längeren Zeitraum Ressourcen aus verschiedenen benachbarten disziplinären Feldern mit teilweise konkurrierenden Ressourcenkonfigurationen (Physik, Chemie, Kristallographie, Metallographie) und strebten eine eigene, zumindest vorübergehend nicht disziplinär abgesicherte Stabilisierung des Wissens an.

Das hier vorgeschlagene Teilprojekt nähert sich diesem Themenkomplex anhand zweier Schwerpunkte. Zum einen soll die Erschließung der „materialen“ Ressourcen der Forschung, zum anderen sollen „nicht-materielle“ Ressourcen wie ein neues Verständnis von „Ordnung“, „Struktur“ oder „System“ untersucht werden. Anhand der experimentellen Erforschung von komplexen Strukturen und polyvalenten bzw. „gestörten“ Ordnungen von „realen“ (im Gegensatz zu „idealen“ oder idealisierten) Festkörpern soll die Frage nach der prinzipiellen technischen und wissenschaftlichen Beherrschbarkeit und gezielten Gestaltung atomarer und molekularer Systeme untersucht werden. Die Ergebnisse sollen einerseits in Beziehung gesetzt werden mit den Formen individuellen Verständnisses und rationaler Erschließung hochgradig komplexer Objekte und Systeme seitens der Akteure sowie andererseits mit den institutionellen und kollektiven Prozessen, die eine solche Erforschung komplexer Objekte und Systeme ermöglichten. Ziel ist es, im Rahmen einer „historischen Epistemologie der Materialwissenschaften“ herauszuarbeiten, inwiefern der Umgang mit den komplexen „Ordnungen des Materials“ die Ausbildung neuartiger Ressourcenkonfigurationen und -regime, beispielsweise von neuen Formen der Komplexitätsreduktion oder der elektronischen Informations- und Datenverarbeitung, ermöglicht bzw. zu diesen beigetragen hat.

Beteiligte


Dr. Falk Müller
Goethe Universität Frankfurt am Main
Gräfstr. 78
Juridicum Postfach 104
60486 Frankfurt / Main
+49 (0)69/798-33964
falk.mueller (at) em.uni-frankfurt.de 

Dr. Christian Forstner
Goethe Universität Frankfurt am Main
Gräfstraße 78
Juridicum Postfach 104
60486 Frankfurt / Main
+49 (0)69/798-33964 


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