Mitgliedschaft als prekäre Ressource: Statuszuschreibungen in imperialen Peripherien


Zwei Aspekte europäischer Imperien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts galten in der zeitgenössischen Diskussion wie in rezenten Forschungen als Schwächen: die mangelnde Sicherung und Durchdringung einer zunehmend ausgedehnten Peripherie und die administrative Differenzierung zwischen privilegierten und diskriminierten Bevölkerungsgruppen, anders gesagt: die Unfähigkeit, das Konzept weitgehend gleicher Staatsbürgerschaft von der Metropole auf koloniale Räume zu übertragen. Zu den Folgen der begrenzten administrativen Durchdringung in Verbindung mit der Entscheidung, in Kolonien kulturell, religiös oder ethnisch definierten Gruppen jeweils unterschiedliche Privilegien zuzuerkennen, gehörten Unsicherheiten in Bezug auf den Ein- und Ausschluss von Individuen aus der ‚imperialen‘ Staatsbürgerschaft. Diese Unbestimmtheiten eröffneten in ‚abgelegeneren‘ Konsulaten oder Regionen Freiräume. Dass diese Freiräume für einzelne Personen Ressourcen darstellen konnten, die für die Gestaltung eigener Lebenswege zwischen Kolonien oder Kolonien und Metropole mobilisiert werden konnten, wird von der Forschung seit längerem anerkannt; das Projekt kehrt die Perspektive um und fragt, in wie weit das wenig systematisierte Angebot des partiellen Zugangs zu imperialen Privilegien ein Mittel der Stabilisierung ‚schwacher Staatlichkeit‘ sein konnte und warum es diese Funktion mit der Zeit verlor.

Dabei setzt sich das Projekt zum Ziel, zwei Forschungstraditionen zu verbinden: die vergleichende Untersuchung von Imperien oder Durchgangs- und Kontaktzonen, für deren Erforschung in den letzten Jahren etwa die systematische Erfindung von Gruppen durch Volkszählungen, aber auch andere Formen von ‚Papieren‘ an Gewicht gewonnen hat; und die bislang auf als proto-Nationalstaaten gedachte imperiale Metropolen konzentrierte Forschung zu Staatsbürgerschaft. 

Beteiligte


Prof. Dr. Andreas Fahrmeir
Goethe Universität Frankfurt am Main 
Historisches Seminar (Neuere Geschichte) 
Norbert-Wollheim-Platz 1
60629 Frankfurt am Main
Tel. +49/69/79832626
fahrmeir@em.uni-frankfurt.de

Dr. Marina B.V. Martin
Goethe Universität Frankfurt am Main
Gräfstr. 78
Juridicum Postfach 104
60486 Frankfurt / Main
+49 (0)69 798 33953
m.martin@em.uni-frankfurt.de