Die Hanse und ihr Recht: Ressourcenschwäche und Funktionalität


Für die Hanse, die im Spätmittelalter zur führenden Wirtschaftsmacht in Nordeuropa aufstieg, liegt eine Assoziation mit „Schwäche“ auf den ersten Blick fern. Doch trotz populärer Etikettierungen wie etwa als „heimliche Supermacht“ (Graichen 2011) war die Hanse in Bezug auf viele materielle und manche immaterielle Ressourcen defizitär und in diesem Sinne tatsächlich schwach. Andererseits setzte die Entlastung von manchen Herausforderungen, vor denen die entstehenden Landesherrschaften standen – beispielsweise derjenigen, ihr Territorium zu schützen und zu arrondieren – auch Kräfte frei, die ein diplomatisch und wirtschaftlich erfolgreiches Agieren weit jenseits der Grenzen des Hanseraums ermöglichten. Die Hanse hat also, so die Arbeitshypothese dieses Teilprojekts, aus der Not eine Tugend gemacht. Auf dem politischen Feld gelang es, das Fehlen von zentraler Gewalt und militärischer Schlagkraft durch Geld und Privilegien zu substituieren und so eine anders strukturierte, aber trotzdem solide Machtbasis zu errichten. Auf wirtschaftlichem Gebiet wurde der relative Mangel an Rohstoffen, also natürlichen Ressourcen, durch die Vorteile der geographischen Lage zwischen West und Ost und durch gut angepasste Handelstechniken und eine geschickte Handelspolitik ausgeglichen.

Auf beiden Feldern, Politik wie Wirtschaft, spielte das Recht eine wichtige Rolle, denn nur selten und eher zögerlich setzte die Hanse ihre Interessen mit kriegerischen Mitteln durch. Die zentrale Funktion des Rechts rechtfertigt die Beteiligung eines Rechtshistorikers an dem Verbund und ist zugleich seine Motivation für das Engagement. „Recht“ – hier Verfassungs- und Handelsrecht – ist dabei sowohl selbst immaterielle Ressource als auch Katalysator zur Umwandlung von Schwäche in Stärke im oben beschriebenen Sinn. Die Analyse, welche der unterschiedlichen Schichten des Rechts (Statuten, Privilegien, Gerichtsurteile, Vertragspraxis, Rechtsgewohnheiten) diesen Prozess auf welche Weise beeinflussten, wird einen wichtigen Teil der Arbeit ausmachen. 

Das Teilprojekt ergänzt diese Untersuchung schwacher und starker rechtlicher Strukturen im Hanseraum um die Analysen zweier Diskurse, in denen die Hanse als schwach bzw. stark beschrieben wird, nämlich zum einen das Sprechen von der (Un-)Einigkeit der Hanseaten und zum anderen den Topos vom hansischen Niedergang in der frühen Neuzeit.

Beteiligte


Prof. Dr. Albrecht Cordes  
Goethe Universität Frankfurt am Main 
Institut für Rechtsgeschichte
Theodor-W.-Adorno Platz 4
60323 Frankfurt/Main 
Tel.: +49(0)69/79834322
cordes@jura.uni-frankfurt.de  

Dr. Alexander Krey 
Goethe Universität Frankfurt am Main
Gräfstr. 78
Juridicum Postfach 104
60486 Frankfurt / Main
Tel.: +49 (0)69 798 33957
krey@jura.uni-frankfurt.de    

Philipp Höhn
Goethe Universität Frankfurt am Main 
Gräfstr. 78
Juridicum Postfach 104
60486 Frankfurt / Main
+49 (0)69 798 33957
hoehn@jur.uni-frankfurt.de   


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