Information als Ressource für juridische Entscheidungsprozesse. Zur Entstehung moderner Informationsregime im Papsttum der Frühen Neuzeit


Die universale Ausrichtung des Papsttums machte den Heiligen Stuhl von Anfang an zu einem wichtigen Zentrum einer Ansammlung von Informationen aus allen Teilen der Welt. Ausgehend vom Mittelalter und dann vor allem in der Neuzeit wurde der Zugriff des Papstes – angesichts seiner vielseitigen Aufgaben als weltlicher Herrscher, Hirte und Richter – auf bestimmte Informationen zu einer unverzichtbaren Ressource für die Regierung der Kirche. Vor allem wurde so eine Verbindung zwischen dem Heiligen Stuhl und den lokalen Kirchen ermöglicht, die zur Erhaltung der Einheit der Kirche beitrug. Außerdem waren die Informationen die Grundlage bei internen päpstlichen Entscheidungsprozessen hinsichtlich politischer Belange und diplomatischer Beziehungen, so wie hinsichtlich Vorschläge pastoraler Natur und der Justizverwaltung. Im Laufe der Zeit beauftragte der Heilige Stuhl verschiedene Organe zur Erlangung und Erarbeitung von Informationen (Kollektorien, Nuntiaturen, Legationen, Kongregationen). Diese wurden in einem nicht konstanten und inhomogenen Prozess, der wiederholt von Zäsuren und Reformen geprägt war, stets an die Bedürfnisse des Heiligen Stuhls und an den historischen Kontext angepasst. 

Der Zugriff zu Informationen verstanden als Ressource für interne Entscheidungsprozesse, wurde von der Historiographie oft als Kriterium für eine Definition der Stärke oder Schwäche des Agierens des Papsttums in bestimmen historischen Momenten gesehen. Das wird besonders im Hinblick auf die großen Veränderungen, die die Römische Kurie in der Frühen Neuzeit erlebte, augenscheinlich. Auf der einen Seite wurden die Reformen der Römischen Kurie und die zunehmende Spezialisierung der Dikasterien – und die daraus folgenden höheren Fähigkeiten Informationen zu erhalten, zu verarbeiten, zu verwenden und zu erfassen – als klare Zeichen von Stärke und Modernität des Papsttums verstanden. Auf der anderen Seite rief dieselbe Entwicklung der Kurie augenfällige interne Kompetenzkonflikte und Schwierigkeiten bei Leitungsaufgaben hervor, die als ein markantes Element von Schwäche des Papsttums betrachtet wurden. Außerdem traten, bedingt durch die große Distanz zwischen Rom und den neu eroberten Gebieten auf der ganzen Welt, Kommunikationsprobleme auf bzw. ergaben sich schwierige Beziehungen mit den einzelnen Staaten hinsichtlich der Verwaltung der lokalen Kirchen. Auch diese Umstände wurden als Element der Schwäche und als starke Einschränkung der römischen Interventionsmöglichkeiten in jenen Gebieten erachtet. 

Dieses Projekt problematisiert in erster Linie das Verhältnis zwischen der Bildung von Diskursen hinsichtlich der Stärke und Schwäche des Papsttums und der Konzeption von Information als Ressource für die Kirchenleitung. Vor dem Hintergrund der langen Periode der unbestreitbaren Anziehungskraft, die der Heilige Stuhl als Bezugspunkt in Fragen der Lehre und des Rechts auf die gesamte katholische Welt ausübte, wird das Projekt die Frage untersuchen, ob die hier erwähnten Elemente von Schwäche als funktional erachtet werden können, sei es zu Zwecken der  Kirchenregierung, sei es für spezielle Modelle der individuellen oder kollektiven Subjekte, die sich auf den Heiligen Stuhl beziehen. Um die Entscheidungsprozesse stärker im Detail betrachten zu können, wird das Papsttum vor allem in seinen pastoralen, gerichtlichen und spirituellen Funktionen untersucht und weniger als ein Akteur der internationalen Politik. Außerdem wird jenen Akteuren, die sich aus allen Teilen der Welt und aus verschiedensten Gründen an den Papst wandten und somit dem Heiligen Stuhl zahlreiche Informationen zukommen ließen, ein breiter Raum eingeräumt. 

Konkret soll die päpstliche Kurie am Ende des 16. Jahrhunderts, namentlich (aber nicht allein) unter Sixtus V. (1585-1590), als Untersuchungsgegenstand dienen, um die veränder¬ten Sensibilitäten frühneuzeitlicher Herrschaftsorganisationen für den Stellenwert von Infor¬mation als entscheidungsrelevanter Ressource zu analysieren sowie die daraus resultierenden Initiativen zur Ak¬quise, Verarbeitung und Indienstnahme von empirischer Information zu untersuchen. Das Projekt ist in zwei einander ergänzende Unterprojekte unterteilt, wobei beide auf einer umfassenden Untersuchung der Archivquellen aufbauen. Das erste Unterprojekt nimmt sich vor die Entwicklung und das Funktionieren eines spezifischen Kurialdikasteriums, der Konzilskongregation zu analysieren, und zwar in Hinblick auf den Erwerb, die Verarbeitung, des Gebrauchs und der Erfassung der Informationen. Das zweite Unterprojekt hingegen konzentriert sich auf die Beziehungen zwischen dem Papsttum und der Neuen Welt und hegt die Absicht zu untersuchen, auf welche Art der Heilige Stuhl, dank des Agierens von verschiedenen Dikasterien, von den ersten Jahren an nach der Entdeckung Amerikas Informationen über die Neue Welt erwarb und verarbeitete. Dabei soll gezeigt werden wie der Heilige Stuhl, trotz Kommunikationsschwierigkeiten und des Patronatsregimes, das über die amerikanische Kirche herrschte, ein unverzichtbarer Bezugspunkt zur Verbreitung des kanonischen Rechts im neuen Kontinent und für die Justizadministration blieb.

Beteiligte


Dr. Benedetta Albani
Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte 
Hansaallee 41
60323 Frankfurt am Main
Tel.: +49 (0)69/789 78-158
albani (at) rg.mpg.de

Dr. Cecilia Cristellon
Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte
Hansaallee 41
60323 Frankfurt am Main
Tel.: +49 (0)69/789 78-207
cristellon (at) rg.mpg.de

José Luis Paz Nomey
Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte
Hansaallee 41
60323 Frankfurt am Main
Tel.: +49 (69) 789 78–0
paz (at) rg.mpg.de