Politische Organisationen jenseits des Staates


Die Norm funktionierender Staatlichkeit ist eines der zentralen Paradigmen der vom globalen Norden dominierten Entwicklungsdebatte und gilt als wesentliche Bedingung für das Erreichen der Millenniumentwicklungsziele (BMZ 2009: 3). Demgegenüber bezeichnen in einem verbreiteten Schwächediskurs die Begriffe „schwache Staaten“ oder „zerfallende Staaten“ in der internationalen Politik einen alarmierenden Zustand, der mit Willkür, Terror und seit dem 11. September mit einer Gefahr für die Weltgemeinschaft assoziiert wird. Aus diesem Grund steht der Aufbau von Staaten im Zentrum der Entwicklungszusammenarbeit, versuchen westliche Länder, die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen mit Hilfe von Experten, finanzieller Förderung oder militärischem Druck Einfluss auf lokale Akteure in postkolonialen Ländern zu nehmen und diese einem demokratischen Staatsaufbau zu verpflichten (vgl. BMZ 2005; Stange 2012). Bis jetzt sind diese Unternehmungen nicht sehr erfolgreich. In vielen Ländern werden die entwicklungspolitischen Maßnahmen unterlaufen, demokratische Verfahren ad absurdum geführt und „westliche“ Organisationsmodelle kulturell transformiert. Vor allem ein staatliches Gewaltmonopol lässt sich in vielen postkolonialen Ländern kaum durchsetzen. Nichtstaatliche ethnische und religiöse Eliten behalten ihre Macht, neue parastaatliche Akteure bilden sich, Repräsentanten des Staates agieren in Schattenwirtschaften und nichtstaatlichen politischen Verbänden. Weltweit nehmen solche Strukturen zu. Trotz des offenkundigen Scheiterns der Versuche, Staat und Demokratie nach westlichem Vorbild zu implementieren, wird kaum die Frage gestellt, warum häufig die lokale Bevölkerung so hartnäckig an antistaatlichen Strukturen festhält, oder genauer: was diese so attraktiv macht. Denn trotz staatlicher Schwäche bleibt die Koordination des Politischen nicht grundsätzlich aus, sondern erfolgt oft und bisweilen sehr differenziert in nichtstaatlichen Strukturen. 

Im Teilprojekt soll eine Perspektive außerhalb der neo-evolutionistischen Logik, die Rechtsstaatlichkeit und Demokratie „westlicher“ Provenienz als höchste und letzte Stufe gesellschaftspolitischer Entwicklung versteht, eingenommen und untersucht werden, wie indigene Modelle politischer Organisation in spezifischen postkolonialen Kontexten funktionieren und wie sie sich unter dem Einfluss internationaler Maßnahmen entwickeln. Im Sinne der SFB-Initiative liegt der Fokus des Projekts einerseits auf der Nachzeichnung von Vergleichsdiskursen über konkurrierende Ordnungen “vor Ort” im wissenschaftsgeschichtlichen Blick, andererseits auf konkurrierenden Ressourcenregime mit ihren verschiedenen Modi der Ressourcenallokation zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Ordnungen. Dabei soll grundsätzlich gefragt werden, welche die entscheidenden Ressourcen sind, in welchen Prozessen ihnen Wert erteilt wird und im Rahmen welcher Normen und Praktiken schließlich ihre Verwendung konkret organisiert ist. Die offensichtlichen Defizitdiagnosen bei der Einschätzung postkolonialer Länder übersehen letztlich lokale bzw. indigene Ressourcenregime, von denen (wie im Falle Indonesiens und der Philippinen) vermutet werden muss, dass sie durchaus Stärken „jenseits des Staates“ vorweisen können. Gerade letztere Perspektive verspricht angesichts des verwendeten weiten Ressourcenbegriffs, der sowohl materielle wie immaterielle Ressourcen meint, gleichermaßen hohe Anknüpfungsfähigkeit an die jüngere Forschung und Modellbildungspotential für den Vergleich.

Beteiligte


Prof. Dr. Susanne Schröter
Exzellenzcluster »Die Herausbildung
normativer Ordnungen« (ExNO), Raum 3.07
Max-Horkheimer-Str. 2
60323 Frankfurt am Main
Tel. 069/798 –33063
s.schroeter (at) em.uni-frankfurt.de

Dr. des. Ario Seto
Goethe Universität Frankfurt am Main 
Gräfstr. 78 
Juridicum Postfach 104 
60486 Frankfurt / Main 
Tel.: +49 (0)69 798 – 33962 
seto (at) em.uni-frankfurt.de 

Macario Lacbawan Jr.
Goethe Universität Frankfurt am Main
Gräfstr. 78
Juridicum Postfach 104
60486 Frankfurt / Main
Tel.: +49 (0)69 798 –33962  
lacbawan (at) em.uni-frankfurt.de


Ehemalige

Dr. Gunnar Stange
Sabine Lang