Ressourcenverbrauch und ökonomisches Kalkül: Wahrnehmung, Entscheidungsstrukturen und Anpassungspraktiken in der deutschen chemischen Industrie zwischen 1860 und 1960


Der Ressourcenverbrauch ist eine der entscheidenden Fragen der modernen Ökonomie, die selbst durch ein spezifisches Ressourcenparadox gekennzeichnet ist. Während der Ressourcenverbrauch pro produzierte Einheit seit Beginn des modernen Kapitalismus dramatisch sinkt, steigt er gerade wegen der dadurch ermöglichten Massenproduktion und dem hiermit zusammenhängenden Massenkonsum ebenso dramatisch an. Aus der Sicht der Unternehmen ist es freilich weniger der Ressourcenverbrauch selbst bzw. die mit ihm zusammenhängende ökologische Problematik als vielmehr das sich damit stellende Problem der Ressourcenpreise, das für ihre Existenz von entscheidender Bedeutung ist. Ihre Wettbewerbsfähigkeit hängt von der zukünftigen Verfügbarkeit ausreichender Mengen preisgünstiger Roh- und Hilfsstoffe ab. Unternehmen sind daher zu einer spezifischen Form der an deren relativen Preisen orientierten Ressourcensicherung gezwungen, deren Rekonstruktion im historischen Wandel den Kern des hier skizzierten Forschungsprojektes ausmacht. Zukünftige Ressourcensicherung im ökonomischen Kalkül erzwingt nicht nur einen spezifischen Umgang mit verfügbaren Roh- und Hilfsstoffen; es setzt auch bestimmte Mechanismen der hierauf bezogenen Problemwahrnehmung, der mit dem Ressourcenproblem verbundenen Entscheidungsstrukturen sowie schließlich ein entsprechendes praktisches Verhalten im Ressourcenumgang voraus, wobei letzteres wiederum in seinen Konsequenzen Gegenstand der Selbstwahrnehmung der Unternehmen wird. Selbstdiagnostizierte zukünftige Ressourcenschwäche, sei es aufgrund erwarteten Mangels, sei es vor dem Hintergrund steigender Preise setzte insofern komplexe Handlungs- und Entscheidungsprozesse in Gang, die mitunter in tiefgreifend ökonomische Strukturveränderungen mündeten, deren Folgen weit über die einzelnen Unternehmen hinausreichten.

Im hier vorgeschlagenen Teilprojekt soll diese spezifische Art der Ausprägung unternehmerischer Ressourcenregime am Beispiel der Geschichte der chemischen Industrie zwischen 1860 und den 1970er Jahren untersucht werden, womit zugleich zumindest implizit die Frage aufgeworfen ist, ob und inwiefern Unternehmen in einer kapitalistischen Ökonomie überhaupt dazu in der Lage waren, Veränderungen in ihrer Rohstoffversorgung zu erkennen, wie sie auf einen zukünftigen, von ihnen erwarteten Wandel der Ressourcenausstattung reagierten und ob sie schließlich die Fähigkeiten und organisatorischen Voraussetzungen besaßen, Engpässe autonom zu überwinden bzw. durch ein entsprechendes Verhalten ganz zu vermeiden. Der Leitfrage wird entlang der Unternehmensgeschichten der Bayer AG und der BASF konkret auf drei Untersuchungsebenen nachgegangen: Es wird, erstens, darum gehen, die Diskussionen über die (knappe) Versorgung mit Hilfs- und Rohstoffen auf der Mikroebene sowie die unternehmensinternen Zukunftsentwürfe zu rekonstruieren. Darüber hinaus wird, zweitens, der Institutionalisierung von Ressourcenregimen und eines „Knappheitsmanagements“ in den Unternehmen nachgegangen sowie schließlich, drittens, die Praktiken im Umgang mit knappen Ressourcen beleuchtet. Den Zielen des gesamten SFB entsprechend sollen die empirischen Ergebnisse auch modelltheoretisch aufbereitet werden. Die Entscheidungsabläufe in Unternehmen sind vor allem in ihren akteursspezifischen und handlungsbezogenen Dimensionen zu generalisieren. Das Teilprojekt greift dabei insbesondere auf entscheidungstheoretische Überlegungen Niklas Luhmanns zurück.

Beteiligte


Prof. Dr. Werner Plumpe
Goethe Universität Frankfurt am Main
Historisches Seminar (Wirtschafts- und Sozialgeschichte)
Norbert-Wollheim-Platz 1
60629 Frankfurt am Main
Tel.: +49(0)69 -798 32615
w.plumpe (at) em.uni-frankfurt.de

Frederic Steinfeld
Goethe Universität Frankfurt am Main
Gräfstr. 78
Juridicum Postfach 104
60486 Frankfurt / Main
Tel.: +49 (0)69 798 33958 
steinfeld (at) em.uni-frankfurt.de

Carla Thiel
Goethe Universität Frankfurt am Main
Gräfstr. 78 
Juridicum Postfach 104 
60486 Frankfurt / Main 
Tel.: +49 (0)69 798 33958 
cathiel (at) em.uni-frankfurt.de