Der „Niedergang Europas“: Schwächediskurse zur Mobilisierung von Ressourcen


Schon seit mehr als einem Jahrhundert beschäftigt Beobachter aus den unterschiedlichsten Ländern der „Niedergang Europas“. Im Grunde zieht sich diese formelhafte Beschreibung, derer sich Stichwortgeber aus den verschiedensten Berufsfeldern (Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Publizistik) bedient haben, quer durch das 20. Jahrhundert. Wo auch immer der Blick sich hinwendet, auf die internationalen Beziehungen (Stellung Europas in der Welt), die Wirtschaft (die abnehmende Fähigkeit, in der internationalen Konkurrenz zu bestehen) oder auch Gesellschaft und Kultur (Demographie und Überalterung sowie wachsende soziale Spannungen), aber auch im Blick auf Wissenschaft und Bildung (sinkende internationale Bedeutung des europäischen Wissenschaftsmarktes; internationales Bildungsranking), folgten den entsprechenden Schwächediskursen regelmäßig Appelle, sämtliche zur Verfügung stehenden Ressourcen, auch solche, deren Potenzial zuvor nur vermutet werden konnte, zur Abwehr des postulierten „Niedergangs“ zu mobilisieren. Im gleichen Zusammenhang tauchte oftmals die Forderung auf, vorhandene Ressourcen (Menschen, Rohstoffe, Organisationen und Ideen) besser aufeinander abzustimmen sowie ihren Einsatz und ihre Leistungskraft zu optimieren. Oft richtete sich der Appell ebenfalls darauf, neue Ressourcen zu erschließen oder bereits vorhandene zu substituieren. Um den „Niedergang Europas“ aufzuhalten, sollten – kurz gesagt – neue politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnungen begründet werden. 

Der systematische internationale Vergleich solcher Niedergangsszenarien sowie der Planskizzen, die sich über die „Einheit Europas“ eine grundlegende Korrektur versprachen, vermag zum einen die Zeit- und Ortsgebundenheit von Schwächediskursen und der von ihnen ausgehenden Mobilisierung von Ressourcen aufzuzeigen. Zum anderen verdeutlicht er ihre prinzipielle Wertoffenheit. Überdies lässt sich ein eher instrumentell gedachter Rekurs auf Schwächen von Haltungen und Einschätzungen unterscheiden, die aus Überzeugung oder aus Glaubenssätzen heraus, oft aber getrieben von einem reformerischen oder revolutionären Impuls, neue Ressourcenregime einforderten, welche die Verteilung, den Einsatz und auch die Generierung neuer Ressourcen steuern sollten. 

Eingebunden in die neuere Forschung zu Europakonstruktionen und Europäisierung fragt das Projekt nach den Konjunkturen von Schwächediskursen, nach ihren treibenden Kräften sowie den Werthorizonten und politischen Affiliationen, die hierbei eine bestimmende Rolle spielten. Außerdem untersucht es den Form- und Strukturwandel der Zielsetzungen, ihre aggressive oder defensive, ihre konservierende oder reformerische bzw. revolutionäre Stoßrichtung. Gleichermaßen geht es um die Reichweite der geforderten Eingriffe (total oder partiell), welche über neue Ressourcenregime den „Niedergang Europas“ aufhalten sollten, aber auch darum, ob dabei die Zustimmung durch Betroffene vorgesehen oder, im Gegenteil, ausgeschlossen war.

Beteiligte


Prof. Dr. Christoph Cornelißen  
Goethe Universität Frankfurt am Main 
Historisches Seminar (Neuere Geschichte)
Norbert-Wollheim-Platz 1
60629 Frankfurt / Main 
Tel.: +49(0)69/798-32589
cornelissen (at) em.uni-frankfurt.de

Dr. Klaus Seidl
Goethe Universität Frankfurt am Main
Gräfstr. 78
Juridicum Postfach 104
60486 Frankfurt / Main
Tel.: +49 (0)69/798-33953
seidl (at) em.uni-frankfurt.de